Fact Sheet Shopping-Plattformen wie Temu, Shein, Wish Aliexpress
16.03.2026
Es ist ein Systemfehler mit Ansage: Chinesische Online-Marktplätze wie Temu und Shein dürfen Spielwaren in die Schweiz liefern, die im Schweizer Handel nicht zugelassen wären, weil sie zu gefährlich sind. Weshalb? Weil der Bundesrat bisher keinen Handlungsbedarf sah und auf die "Eigenverantwortung" der Konsument:innen verwies. Dass viele Spielwaren gesundheitsgefährdend für unsere Kinder sind, hat der Spielwaren Verband Schweiz (SVS) bereits 2019 aufgedeckt. Bei Kindern von Eigenverantwortung zu sprechen, ist zynisch. Kinder können die Gefahren von Spielzeug weder erkennen noch einschätzen und sind besonders sensibel auf Schadstoffe.
Asiatische eCommerce-Giganten sind seit Monaten ganz oben im Ranking der beliebtesten Apps. Gamifiziertes Einkaufen mit blinkenden Glücksrädern und falschen Rabatten ist beliebt: Bis zu 500'000 Pakete kommen aus Asien in die Schweiz – pro Tag.
1. Die Schock-Zahlen zur Sicherheit (2019 bis heute)
Die Grundproblematik ist seit 2019 bekannt. Damals bestellte der SVS bei Aliexpress und Wish Spielwaren und liess sie testen. Das Ergebnis: Sieben von zehn Produkten enthielten Schadstoffe. Der SVS fordert seither gleich lange Spiesse. Die Realität zeigt, dass die Gefahr heute grösser ist denn je:
- Stiftung Warentest (Oktober 2025): Ein grossangelegter Test ergab, dass ein Viertel der Produkte von Temu und Shein potenziell gefährlich ist. Bei Kinderschmuck und Spielzeug wurden 8500-fach überschrittene Cadmium-Grenzwerte (hoch krebserregend) festgestellt.
- SVS-Test (November 2023): 15 von 18 auf Temu und Shein bestellten Spielwaren wären in der Schweiz nicht verkehrsfähig, für sechs davon hätte der Vollzug umgehend einen Rückruf angeordnet.
- TIE-Test (Oktober 2024): Der europäische Spielzeugverband TIE testete mehr als 100 Spielzeuge von aussereuropäischen Plattformen. Das Resultat: 80 % der Spielzeuge erfüllen die europäischen Sicherheitsanforderungen nicht.
2. Das neue Vorstosspaket „Gleich lange Spiesse“ (März 2026)
Da der Bundesrat bisher primär auf den Dialog mit den Plattformen setzte, hat eine überparteiliche Allianz (Nationalräte Mauro Tuena/SVP, Bettina Balmer/FDP, Simon Stadler/Mitte, David Roth/SP) am 16. März 2026 ein rechtlich bindendes Vorstosspaket eingereicht. Der Kern: Wer Produkte präsentiert und Preise gestaltet, darf sich nicht mehr als reiner „Vermittler“ tarnen, sondern gilt als Inverkehrbringer.
Die vier Hebel des Pakets:
- Haftung (PrHG): Plattformen werden rechtlich als „Herstellerinnen“ definiert und haften für Schäden durch fehlerhafte Produkte.
- Sicherheit (PrSG): Wer Produkte auf dem Schweizer Markt anpreist, muss deren Konformität garantieren (Schliessung des Schlupflochs "Privatimport").
- Umwelt (VREG): Plattformen werden zur Rücknahme und Zahlung der vorgezogenen Recyclinggebühr verpflichtet.
- Zollabwicklung (Postgebühren): Einführung kostendeckender Gebühren für Kleinsendungen ohne digitale Voranmeldung (Verursacherprinzip).
3. Gefährliches Geschäftsmodell und Marktentwicklungen
Die E-Commerce-Giganten verändern mit aggressiven Marketingstrategien den Onlinehandel. Die bestellte Ware kommt per Luftfracht in die Schweiz, was rund 50-mal mehr CO2 verursacht als Container-Seefracht. Die Rücksichtslosigkeit des Modells zeigt sich an aktuellen Entwicklungen:
- Schwarzarbeit-Skandal (Oktober 2025): Die Logistikfirma Clevy Links (Retourenabwicklung für Temu in Eglisau ZH) geriet wegen systematischer Schwarzarbeit ins Visier der Behörden. Es wurden Arbeitskräfte ohne Aufenthaltsrecht und zu Dumpinglöhnen von 9.30 CHF/Stunde beschäftigt.
- TikTok-Shop: Seit März 2025 in Europa (DE, FR, IT) lanciert, Gründung der TikTok Switzerland GmbH in Zürich im Januar 2025. Produkte können direkt in der manipulativen Umgebung der App gekauft werden.
- Temu Local-to-Local (seit Sept. 2025): Temu öffnet sich für Schweizer Händler. Trotz anfänglichem Widerstand nutzen erste Schweizer KMU das Portal, was den Druck auf den etablierten Detailhandel weiter verschärft.
4. Vergleich der Wettbewerbsbedingungen
| Thema | Schweizer Detailhandel | Asiatische Plattformen |
|---|---|---|
| Produktsicherheit | Volle Haftung als Inverkehrbringer in der Schweiz. | Berufen sich auf „Eigenverantwortung“ des Konsumenten beim Privatimport. Das Vorstosspaket 2026 fordert hier die volle Haftungspflicht. |
| Mehrwertsteuer | Pflicht für alle Waren. | Seit Jan. 2025 steuerpflichtig (ab 100k Umsatz), jedoch hohes Risiko der Umgehung durch Paketaufteilung. |
| Recycling (VREG) | Zahlung der vorgezogenen Recyclinggebühr. | Keine Pflicht. Die Schweizer Bevölkerung trägt die Entsorgungskosten. |
| Versand & Zoll | Marktübliche Inlandstarife, gebündelte Verzollung. | Subventionierte Tarife (Weltpostverein). Die Zollkontrolle bei 500'000 Paketen/Tag ist faktisch unmöglich. |
| Datenschutz | Klare DSG-Vorgaben. | Intransparenter Zugriff auf Smartphone-Daten und Profilbildung für Algorithmen. |
5. Übersicht der politischen Vorstösse
Neben dem Vorstosspaket der Allianz (Eingereicht am 16.03.2026) zur Anpassung von PrHG, PrSG, VREG und Postgebühren sind folgende parlamentarische Geschäfte zentral:
- Motion 25.4776 (Würth): Klare Kennzeichnung nicht-konformer Produkte (Angenommen vom Ständerat im März 2026).
- Motion 24.4240 (Roduit): Produktesicherheit muss auch bei der Einfuhr für den privaten Hausgebrauch gewährleistet sein.
- Motion 24.4162 (Brenzikofer): Regulierungsmassnahmen für ausländische Onlinehändler schaffen.
6. Medienberichte & Quellen (Auswahl)
- 16.03.2026 (SVS & HANDELSVERBAND): Wichtiger Meilenstein für fairen Onlinehandel – Einreichung des Vorstosspakets
- 04.11.2025 (Galaxus Magazin): Viel Gift für wenig Geld: Zwei von drei Produkten aus China-Shops sind gefährlich
- 31.10.2025 (SVS / Stiftung Warentest): Stiftung Warentest: 110 von 162 getesteten Produkten von Temu und Shein mangelhaft
- 17.10.2025 (SRF): Schwarzarbeit bei Schweizer Partner von chinesischem Händler Temu
- 24.10.2024 (SVS/TIE): Online-Testkauf ausserhalb Europas: 80 % von 100 Spielwaren mangelhaft
- 29.01.2025 (Tages-Anzeiger): TikTok expandiert in die Schweiz und gründet Firma in Zürich
- 07.01.2025 (Blick): Neue Regelung: Jetzt müssen Temu und Co. Mehrwertsteuer bezahlen
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